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Overnighter und Bikepacking: Interview mit Gunnar Fehlau

Aktuell stehen etwa zehn Fahrräder bei ihm Zuhause: Gunnar Fehlau, der schon mit 17 seine ersten Rahmen lötete, Fachbücher über das Zweirad schreibt, Touren veranstaltet und nebenbei den Pressedienst Fahrrad leitet. Da er sich sowieso den ganzen Tag mit Fahrrädern beschäftigt, ist das sein absoluter Traumjob. Sein neuestes Buch Rad und Raus handelt vom Bikepacking – mit dem Rad für ein paar Nächte raus in die Natur.

BOXBIKE: Du hast aktuell etwa zehn Räder. Welches fährst Du am liebsten?
Gunnar Fehlau: Ich bin nicht auf eine Gattung festgelegt. Ich mag einfach das Freiheitsmoment, das man mit dem Fahrrad hat. Und das hat nichts mit einer Reifenbreite oder Rahmenform zu tun. Das kann mit einem Faltrad genauso stattfinden wie mit einem Fatbike, Rennrad oder Hollandrad. Ich würde da eher einen Qualitätsstandard ansetzen. Unter einer gewissen Grenze machen die einfach keinen Spaß mehr.

Besitzt Du ein Faltrad?
Ja, 1994 hab ich mein erstes Faltrad gekauft. Seitdem bin ich ein Fan. Kein anderes Fahrrad passt so flexibel ins Leben. Wenn ich nur ein Rad haben dürfte – was ich als eine extreme Beschneidung von Lebensqualität ansehen würde – dann wäre es in irgendeiner Weise faltbar. Oder zumindest reisefähig.

In Deinem neuen Buch geht es um Microadventures und Overnighter: Mit dem Rad und dem Schlafsack für eine Nacht raus in die Natur. Welches Rad eignet sich dafür am besten?
Andersherum: Man kann natürlich nicht mit jedem Rad alles machen. Aber es gibt zu jedem Rad das passende Abenteuer.

Wie würdest Du das Faltrad da einordnend?
So wie das Fatbike an den Strand gehört, so ist das Terrain des Faltrades ein urbanes. Das schließt keine Touren aus, aber das Faltrad passt eben am besten in dieses urbane Leben. Letztes Jahr zur Fahrradschau habe ich das ausprobiert, wollte rausfahren, mich irgendwo hinlegen und am nächsten Tag wieder in die Metropole und den Messewahnsinn reinfahren. Die Rechnung ist aufgegangen.

Wo genau bist Du hingefahren?
Eigentlich gibt es einen alten Biwak-Ethos, dass man über die Spots nicht spricht. Das bewegt sich ja etwas in der Grauzone der Legalität. Aber das war an einem See in der Nähe von Bernau.

Bist du direkt von der Messe los?
Ja. Klar, man hätte auch ein Stück Bahn fahren können. Das ist ja das Schöne am Faltrad: irgendwo mit dem ICE hin, mit dem Faltrad noch ein Stück raus und nach einer Nacht am Lagerfeuer in einer anderen Station wieder einsteigen. Diese Formate funktionieren am besten mit dem Faltrad.

Wie viel packst Du für einen Overnighter normalerweise ein?
Die Ausrüstung hältst Du in der Regel so klein wie möglich. Und egal ob Birdy oder Brompton, du bekommst genug Zeug unter. Mit einer Mischung aus deren Systemtaschen und Bikepacking-Taschen hast du keine Platzprobleme.

Was findet man in Deinen Taschen?
Ich nehme nie ein Zelt mit sondern immer nur einen Biwak-Schlafsack. Isomatte natürlich. Im Kulturbeutel ist alles außer der Zahnbürste verhandelbar. Wenn du etwas Warmes essen willst, musst du einen Gaskocher mitnehmen. Aber ich bin eher ein Freund von einem kleinen Lagerfeuer mit Bier und was zum Grillen – solange keine Waldbrandgefahr besteht. Ich mache das sehr von der Tageslaune abhängig. Es gibt Fahrten, da wiegen die Taschen keine drei Kilo, aber ich hab auch Touren, auf denen ich richtig viel Gepäck mithabe. Ich kenne sogar Leute, die ihre Mokka-Kanne und einen Milchschäumer mitnehmen.

Und für kurze Fahrten, zum Beispiel ins Berliner Umland?
Bei so einem Urban Overnighter könnte ich mir auch vorstellen, dass man einfach am letzten Restaurant etwas Gutes isst und später am Lagerfeuer nur noch einen kleinen Snack und ein Bier hat. Wenn man dagegen durch den Harz fährt, ist die gastronomische Infrastruktur etwas dünner und entsprechend planst du anders.

Wie plant man so eine Tour am besten?
Wenn etwas frei von Zwängen ist, das ist es das Thema Microadventure, Overnighter, Bikepacking. Es geht darum, dass du irgendetwas in deinen Alltag quetscht, was dir Freude bereiten soll und anders als dein übriges Leben ist. Wenn du sonst alles durchplanst und immer nur von Excel-Tabellen umgeben bist, dann tut es dir vielleicht gut, so wenig wie möglich zu planen. Warum nicht einen Würfel mitnehmen, losfahren und an jeder Kreuzung würfeln? Gerade Zahlen rechts, ungerade Zahlen links. Und ich rolle da meinen Schlafsack aus, wo ich nach 50 Würfen angekommen bin. Der totalen Vernunft mal ein paar Stunden abringen, in denen nicht alles durchgetaktet und geplant ist.

Trotz dieser Freiheit: Was ist der größte Anfängerfehler beim Bikepacking?
Nicht auf sich selbst zu hören und sich zu viel vorzunehmen. Ist doch egal, ob du einen 15er- oder 30er-Schnitt fährst. Wenn du zu viel willst, brauchst du sowieso irgendwo länger und verpasst doch den Sonnenuntergang. Und am Anfang sollte man auch etwas mehr Klamotten einpacken. Man braucht etwas Erfahrung, denn 5°C können sich je nach Schlafsack sehr unterschiedlich anfühlen.

Wie findet man den richtigen Spot zum Übernachten?
In Deutschland sind Sportplätze auf Dörfern immer gut. Die liegen oft etwas ausserhalb und da ist immer ein Unterstand mit einem Grillplatz. Auch in alten Schutzhütten an Ausflugszielen habe ich schon viele gute Nächte gehabt. Man lernt irgendwann, die Landschaft und die Infrastruktur zu lesen. Genau wie ein Mountainbiker, der immer die Ideallinie sieht oder ein Faltradler, der sofort erkennt, wo sein Faltrad im Hotel oder Zug hinpasst. Das merkt man übrigens besonders dann, wenn diese Mechanismen nicht mehr funktionieren. Ich bin mal im Winter von Trondheim nach Oslo gefahren – bei bis zu -25°C und viel Dunkelheit. Während ich in Deutschland auch im Dunkeln noch gute Spots zum Übernachten finde, funktionierte das in Norwegen überhaupt nicht. Die Besiedlung ist da ganz anders.

Dort oben sind die Leute doch eher an Wildcamper gewöhnt. Besonders in Schweden gibt es doch das Jedermannsrecht?
Ja, in Schweden werden übrigens auch 90% der Zelte in rot verkauft, weil das ein schöneres Innenlicht macht. In Deutschland sind 90% der Zelte grün, weil die nicht gesehen werden wollen. Das zeigt, dass die Skandinavier eine ganz andere Kultur des Zusammenlebens haben. Wer sich korrekt verhält und alles sauber hinterlässt, der bekommt keine Probleme. Aber natürlich gibt es schwarze Schafe. Ich würde deshalb nicht mehr sagen „Hinterlasse kein Müll!“ sondern „Nimm fremden Müll vom Spot mit!“.

Welche Regionen empfiehlst Du besonders zum Bikepacking?
Den eigenen Hinterhof! Die Leute sollten nicht ihr Leben lang vom Nordkap träumen und nie hinfahren, sondern lieber den Stausee um die Ecke entdecken. Egal wo ich bisher war, es war überall schön. Natürlich kann man das Panorama im Hochschwarzwald nicht mit der Ebene in Brandenburg vergleichen. Dennoch hat beides seinen Charme. Die beste Region ist die, durch die man gerade fährt, das beste Fahrrad das, auf dem man sitzt, und der beste Kumpel der, mit dem man gerade unterwegs ist!

Das neue Buch von Gunnar Fehlau heißt Rad und Raus und gibt einen tollen Einstieg in die Bikepacking- und Microadventure-Szene. Außerdem bloggt er unter overnighter.de zum Thema, leitet den Pressedienst Fahrrad, initiierte die Grenzsteintrophy entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze und hält regelmäßig Vorträge überall in Deutschland.

Sein neuestes Projekt: Die Bikepacking-Abenteuerfahrt Candy B. Graveller von Frankfurt nach Berlin am 28. April!

Bilder © Gunnar Fehlau, veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung

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